Bodhimandala

Meditation und Vortrag jenseits von Religion, Tradition und spiritueller Autorität

Das Geschenk der täglichen Praxis

Was für ein Geschenk ist es, dass wir uns fast täglich treffen dürfen, um gemeinsam den Tag in Stille, Verbindung und Rückbesinnung zu beginnen! Wenn ich meinen Dank dafür ausdrücke, dann danke ich nicht den Individuen, sondern dem großen Ganzen, dass es uns spontan zusammenbringt - genauso spontan, wie der Wind einige Blätter zu einem Blätterhaufen zusammenfegt. Jeden Tag bin ich von neuem tief bewegt von dem Wunder, in diesem Leben spontan auf „Blätter" zu treffen, die eine ähnliche „Färbung" haben und vom „Wind" in dieselbe Richtung getragen werden! Wir „fliegen" gemeinsam, lassen uns tragen vom „Wind" - und da ist kein „Flieger", kein „Pilot". Nichts geschieht willentlich, denn es gibt weder einen menschlichen noch einen göttlichen Willen. Alle Dinge sind einfach da - willenlos, spontan, frei. Deshalb gibt es keine Worte für meinen Dank, dass sich das Leben spontan so formiert hat, dass wir uns ohne Religion und Tradition treffen und gemeinsam meditieren!
Eine Praxis ohne Ziel, der wir uns alle unterwerfen. Das tägliche Sitzen in Hingabe und in dem Wissen, dass alles eins ist, holt uns von unserem hohen Ross des Streben und etwas werden müssen herunter, es lehrt uns Demut, nimmt uns unseren Stolz, macht uns einfach, friedlich und still. Einer Welt, in der das Laute, Schnelle, Aktive zählt, kann man allerdings kaum erklären, dass dieses stille Nicht-Tun eine so tiefe, langfristige Wirkung entfaltet.

Jeden Tag dürfen wir den Weg neu suchen, dürfen wir uns neu leer machen, dürfen wir unser Herz neu öffnen. Jeder Tag ist einmalig und nur heute können wir uns frisch auf das Leben einlassen. Kein Ankommen, keine Sicherheit - und doch völlig geborgen im Moment und immer getragen vom „Wind".

In diesem Sinne bedanke ich mich von Herzen.

Karim

Was bedeutet innere Weisheit jenseits von Tradition und Religion?
Es bedeutet, den Verstand mit all seinen Systemen und Vorstellungen hinter sich zu lassen und die darunterliegende Angst und Verunsicherung zu spüren. Es bedeutet, in die archetypischen menschlichen Strukturen zu blicken.
Woher kommt das Bedürfnis, anderen zu folgen? Unser eigenes Wissen zu verstecken, da der Lehrer, die Religion oder die Tradition es besser weiß?
Jeder, der heute auch nur für 10 Minuten in Stille sitzt, hat etwas zu teilen. Niemand muss dafür von irgend jemandem autorisiert werden. Respekt kommt aus dem Herzen und nicht, weil er vorgegeben oder gar gefordert wird.
In der Tat lieben wir es, uns sagen zu lassen, wo es lang geht, was wir tun sollen, wie wir uns verhalten sollen. Oder anderen zu sagen, was sie zu tun haben, weil wir glauben, wir hätten die Antworten. Allzugern übernehmen wir Konzepte aus Religion und Spiritualität und vergessen dabei, wie wichtig es ist, unsere Motive zu hinterfragen. Dies macht zuweilen Angst, denn es mag durchaus erschütternd sein, wenn wir sehen, wie stark wir an diesen Konzepten haften, um uns in Sicherheit wiegen zu können.

Zu glauben, es würde etwas aussagen, wenn man schon so und so viele Jahre meditiert, ist schlichtweg Unsinn. Wir haben nur diesen einen Tag: heute.
Und wir meditieren jeden Tag aufs Neue, als wäre es das erste Mal.
Egal, wie lange oder wie oft du meditierst, die Wirklichkeit, die Soheit kann dadurch nicht beeinflusst werden. Die Wirklichkeit ist nicht zu manipulieren oder zu erreichen durch den Deal: Wenn ich brav und oft meditiere, bekomme ich sie oder etwas von ihr.
Die Wirklichkeit steht für sich selbst in Freiheit und ist nicht zu beeinflussen.
Doch: Die Wirklichkeit beeinflusst sich selbst durch ihren Ausdruck, durch Sommer und Winter, durch Kommen und Gehen, durch uns, wie wir täglich meditieren. Nicht du meditierst. Es ist die Wirklichkeit, die über sich selbst meditiert in all ihren Ausdrücken und Formen und es uns möglich macht, an ihren Erfahrungen teilhaben zu dürfen. Doch Erfahrungen, welche unterwegs unausweichlich gemacht werden, sind individuell und trennend. Daher sollte nicht zu viel Wert auf spirituelle Erfahrungen gelegt werden - ihr Wert liegt einzig darin, die Fähigkeit erblühen zu lassen, sie zu verstehen, um sie loszulassen.
Es gibt keine Worte, die die Dankbarkeit dafür ausdrücken könnten.

In Offenheit - im offenen Geist - weiß niemand etwas besser, mehr oder weniger als jemand anderes.
Die Anstrengung, etwas Bestimmtes sein zu müssen, kommt zur Ruhe und öffnet den Raum für Anteilnahme und Neugierde.
Was verbindet, ist die Liebe zur Stille, zur Meditation. Diese Liebe kann man nicht lehren. Sie kommt auf, so wie das Leben möchte.

Karim